Wer wird Stuttgarter/In des Jahres 2023?

Die Trösterin

Wer ins Krankenhaus muss, ist immer verunsichert: Was erwartet mich? Werde ich wieder gesund? Wenn weder Freunde noch Angehörige da sind, die solche Sorgen mit einem teilen, ist die Verunsicherung und Einsamkeit besonders gravierend. Die Grünen Damen und Herren sind in solchen Fällen zur Stelle: in den Krankenhäusern und in Altenheimen haben sie ein offenes Ohr für alle Sorgen und Nöte. Für Patienten, die stationär im Krankenhaus sind, machen sie Besorgungen im Kiosk, sind Vorleser und Unterhalter. Auch Menschen, die in die Tagesklinik kommen, werden früh morgens am Empfang abgeholt und die Grünen Damen und Herren finden die richtigen Behandlungsräume in den langen Fluren. Doris Bregenzer-Hellmann koordiniert die Einsätze der 54 Ehrenamtlichen im Robert-Bosch-Krankenhaus und betreut selbst Senioren. „Man muss die Menschen mögen. Jeder Patient ist anders“, sagt sie. „Aber jeder kommt mit einem Kloß im Bauch hier an.“ Ihre Patin Marion Pakkar bewundert besonders an ihr, dass sie für jedes individuelle Problem eine gute Lösungsidee parat hat.

Der Wohnberater“

„Jeder sollte sich in seiner Wohnung wohlfühlen“ – sagt Hasan Atamish. Und da diese für viele alte Menschen und für Menschen mit einer Behinderung oft nur ein Wunschtraum ist, weil zu viele Hindernisse in den eigenen vier Wänden ein selbstbestimmtes Leben erschweren oder gar unmöglich machen, hilft er mit seinem Know How als Architekt. In der Werkstatt Wohnen können sich Betroffene eine barrierefreie Musterwohnung ansehen und danach mit Atamish vor Ort in ihrem eigenen Zuhause die Möglichkeiten ausloten, wie die Wohnung ihren Bedürfnissen angepasst werden kann und welche Fördermöglichkeiten es gibt. „Am wichtigsten ist meistens das Badezimmer“, weiß er. Sein Pate Tristan Metzler bewundert sein Engagement, Menschen in einer schwierigen Lebenslage bei der Wohnberatung des Deutschen Roten Kreuzes tatkräftig zu helfen  –  und dies, obwohl der beruflich durch die Betreuung von Bauprojekten in ganz Deutschland sehr eingespannt ist.

„Die Aufklärerin“

Es mutet an wie tiefstes Mittelalter, doch es geschieht heute: in Nigeria werden Kinder als Hexen angeklagt: von ihren eigenen Eltern, von Geistlichen aller Kirchen oder von den Nachbarn. Ihr Schicksal ist dann mehr als traurig. Sie werden gequält, verstoßen oder gar getötet. Die Theologi Maїmouna Jessica Obot kämpft von hier aus aber auch Vor Ort gegen diese Grausamkeit und der absurden Ideologie, die dahinter steht. „Wir wollen das Schicksal der Kinder vom Schlechten ins Gute ändern“, so erklärt sie das Ziel ihres Vereins Storychangers. Sie klärt Kirchenleute auf, damit sie von der Hexenverfolgung ablassen und sie hat mehrere Hilfsprojekte vor Ort gegründet, die die zahlreichen verfolgten Kinder aufnehmen. Ihre Arbeit trägt in Südnigeria bereits Früchte. Die Verfolgung von Kindern ging spürbar zurück. Ihre Patin Anastasia Tsanidou weist auch auf das Enagagement von Maїmouna Jessica Obot hier in Deutschland hin. Hier leistet sie mit ihrem Buch „Mein Leben für die Hexenkinder“ gibt Maїmouna diesen Kindern auch hierzulande eine Stimme.

„Die Großerltern-Agentin“

Wenn die leiblichen Großeltern weit weg wohnen oder aus anderen Gründen nicht als Babysitter für die Enkel da sein können, hilft Heidemarie Bohn. Sie bring Familien und Leihgroßeltern zusammen. Sie leitet eine Art Agentur, in der alle Fäden zusammenlaufen: Welches Kind benötigt wann eine Betreuung? Welche Aufgabe soll der Leihopa oder die Leihoma dabei übernehmen? Manchmal reichen berufstätigen Eltern schon zwei Stunden in der Woche, um eine Lücke im Betreuungsplan auszufüllen. Bei Heidemarie Bohn, die selbst neuen Enkel hat, laufen alle Fäden zusammen und sie koordiniert, erledigt die Formalitäten und vermittelt  – auch zwischen den Leihgroßeltern untereinander, denn der Spaß in der Gruppe soll nicht zu kurz kommen: Ausflüge und Feste an Weihnachten und im Sommer sorgen dafür und bei Fachvorträgen gibt es Wissenswertes über den Umgang mit den Kindern zu erfahren. „Ohne Heidemarie Bohn würde es die Leihgroßeltern gar nicht mehr geben. Sie wirbt neue Leute an und macht die Hauptarbeit.“

„Die Kinderfrau“

Kindern geht es nur gut, wenn es den Eltern gut geht. Das ist der Leitspruch der Initiative „Wellcome“, die im Haus der Familie angesiedelt ist. Dort hat Angelika Secker vor 15 Jahren die Stuttgarter Projektgruppe gegründet und hat seither auch selbst unzählige Babys gefüttert, gewickelt und in den Schlaf gesungen. Das Symbol von Welcome ist der Engel und so sieht sie ihre Aufgabe auch: „Der Engel ist zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Danach geht er wieder.“ Die Geburt eines Kindes stellt viele Mütter und Familie vor große Herausforderungen: Nicht geht mehr seinen geregelten Gang, manchmal kommen gesundheitliche Probleme von Mutter oder Kind hinzu, Zwillinge oder Drillinge stellen alles auf den Kopf, die Geschwister kommen zu kurz  – wenn keine Hilfe von Angehörigen oder von Freunden kommen kann, ist die Situation für alle sehr belastend. Angelika Secker hilft dann überall dort, wo es gerade notwendig ist und kann so über eine freudige, aber auch oft extrem anstrengende Zeit hinweghelfen. Patin Gudrun Greth ist beeindruckt wie Angelika Secker in den 15 Jahren die unterschiedlichsten Familien mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen unterstützt hat.

„Die Kulturvermittlerin

„Props“ bedeutet in der Sprache des HipHop Wertschätzung und Respekt. Und genau darum geht es im gleichnamigen Kulturprojekt von Tanja Prause. Hier finden beim Theaterspielen, beim Tanzen, Musik machen, Malen, Designen, Fotografieren und vielem anderen mehr Kinder und Jugendliche aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen zusammen: Kinder aus begüterten und bedürftigen Familien, mit einer Behinderung, mit Migrationshintergrund – sie alle können sich hier kostenlos ausprobieren und das Erlernte in ihrem eigenen Umfeld wie der Schule oder im Stadtteil weiter umsetzen, zum Beispiel mit einer Aufführung. „Du bist wertvoll, Du hast etwas zum Weitergeben“ – das sollen die Kinder hier erleben, sagt Tanja Prause. Bei Props wurde nicht nur unter den Kindern, sondern auch unter den Eltern schon manche Freundschaft zwischen den unterschiedlichsten Menschen geschlossen. Patin Inge Binder freut sich, dass hier Kinder ihre Talente entdecken können und Leute zusammenkommen, die sich sonst nie begegnet wären. 

„Der Partylotse“

Auf der Königstraße in dem Wohnzimmer unter freiem Himmel und in dem kleinen Bus werden kleine und größere Probleme gelöst. Jeden Samstag ist hier zusammen mit dem Team der Mobilen Jugendarbeit Mohammad Reza Kharazmi zu Stelle, um gleichaltrigen jungen Menschen zur Seite zu stehen, wenn sie die Schattenseiten des Feierns erfahren haben. Frauen, die nach einer sexuellen Belästigung einen geschützten Ort benötigen. Wenn der Kreislauf Kapriolen schlägt, gibt es hier eine Sitzgelegenheit, kostenloses Wasser und Süßigkeiten. Oder vielleicht muss einfach nur der Akku des Mobiltelefons hier aufgeladen werden. „Wir gehen auch zu den Leuten hin und erklären, was wir machen“, sagt Kharazmi. Jugendliche, „die Stress machen“ holen er und die anderen vom Team zu sich, um mit ihnen zu reden. Pate Julius Zwißler betont, dass er das Engagement von Kharazmi so beachtlich findet, weil dieser früher selbst die Unterstützung der Mobilen Jugendarbeit benötigt hatte und jetzt auf Augenhöhe Gleichaltrigen auf der Straße eine Unterstützung anbietet.

„Die Schützin“

Bogenschießen entwickelt sich zur Trendsportart und gilt als besonders gesund, nicht nur die Körperspannung wird trainiert, es ist auch eine wertvolle Konzentrationsübung. Birgit Dirksmöller kam durch ihre Kinder zum Bogenschießen: „Die waren begeistert“, erzählt sie und weil sie den Nachwuchs nicht alleine in den Verein gehen lassen wollte, ging sie mit – und wurde nicht nur begeisterte Schützin, sondern auch Jugendtrainerin. Jeden Samstag steht sie mit den Kindern und Jugendlichen auf dem Platz und zeigt ihnen die Griffe und Kniffe. Während der Waldheimferien sammelt sie mit den Kindern im Wald Holz und dann werden Pfeil und Bogen selbst gebastelt. Ein richtiges Abenteuer für die Kinder. „Es gibt ja nicht mehr so viele Eltern, die mit ihren Kindern in den Wald gehen“, bedauert sie. Neben ihrer Tätigkeit als Trainerin geht besucht sie auch Schulklassen und erklärt den Kindern diese Sportart. Ihr Pate Lothar Koch schätzt an ihr, dass sie kein Aufhebens über ihr auch in der Kirchengemeinde vielfältiges Engagement macht. „Sie ist eine der Stillen im Land“, sagt er.

Der Blindensport-Trainer

Ballsport ohne zu sehen, wo der Ball gerade hinrollt? Alexander Knecht ermöglicht es blinden Menschen seit 30 Jahren, Freude am Wettkampf beim Goalball zu haben. So nennt sich die weltweit beliebteste Ballsportart für Menschen mit einer Sehbehinderung. Das Ziel besteht darin, einen Ball in das gegnerische sieben Meter breite Tor zu werfen. „Gespielt wird auf Gehör“, erklärt Knecht, denn in dem Ball, der das Gewicht eines Volleyballs hat, sind Glöckchen. „Es ist eine faszinierende Sportart“ – sagt er begeistert. Seit seiner Kindheit ist er aktiv im Blindensport, denn sein Vater ist im Zweiten Weltkrieg durch eine Verletzung erblindet und hatte die Blindensportgruppe gegründet. Knecht ist nicht nur Trainer und Promotor für den Goalball und Torball, einer weiteren Blindensportart, sondern war bereits sechsmal bei den Paralympics Schiedsrichter für diese Sportarten. „Ohne sein Engagement würde es den Goalball in Stuttgart gar nicht geben“, sagt seine Patin Theresa Stahl. Sie schätzt besonders seinen grenzenlosen Optimismus.